Öko ist nur etwas für Reiche? Ganz im Gegenteil.

Treffen sich zwei Hummerfahrer an der Tankstelle. Sagt der eine: „Hast du schon gehört? Der Schulze hat seine Karre verkauft und fährt jetzt mit dem Fahrrad zur Arbeit.“ Sagt der andere: „Hat der im Lotto gewonnen?“ „Wieso?“ „Na, es heißt doch: Öko ist nur für Reiche.“

Leider ist das Dünkeldogma trotz seiner offenkundigen Dummheit wirksam, weil es täglich eine Bestätigung in der Tatsache zu finden scheint, dass Öko-Lebensmittel etwas teurer sind als umweltfeindlich hergestellte Lebensmittel. Ein Originaltext des Bielefelder Journalisten Lennart Krause von 2013 illustriert das ganze Elend der ökofeindlichen Publizistik: „Eines sei den ökologisch wertvolleren Menschen gesagt: Ihr könnt euren Glauben nur dank der Opferbereitschaft der Massenkonsumenten ausleben. Öko-Eier von glücklichen Hühnern, die täglich auf der Wiese herumtollen, kann es nämlich nicht zu Preisen geben, die jeder bezahlen kann. Aber es ist ja nicht das Problem der gut situierten Edel-Ökos, wenn eine alleinerziehende Mutter ihren Kindern erklären muss, dass Milch, Eier und Käse leider nicht mehr finanzierbar sind.“

Opferbereitschaft der Massenkonsumenten? Was um Himmels willen meint der Autor mit diesen wirren Zeilen? Wer Billigschweinefleisch aus Massentierhaltung kauft, tut das nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Opferbereitschaft? Wenn alleinerziehende Mütter zu wenig Geld haben, um ihre Kinder ordentlich zu ernähren (was in Deutschland ziemlich selten der Fall ist), dann liegt das daran, dass Milch, Eier und Käse wegen der Ökos viel zu teuer geworden sind? Verschwindet denn die Dumpingmilch plötzlich vom Markt, nur weil ein paar Ökos Biomilch kaufen? Bitte was?

Gut, vielleicht hat sich Krause bei der Opferbereitschaft nur im Wort vergriffen und meinte die Not. Vielleicht kaufen manche den Billigschrott aus Not, weil sie so arm sind, dass sie sich keine Milch für 1,10 Euro pro Liter leisten können. Ist das so? Ich zweifle. Wegen der gnadenlosen Konkurrenz der Discounter und wegen der weit verbreiteten mangelnden Wertschätzung fürs Essen werden Lebensmittel in Deutschland nämlich schon seit vielen Jahren immer billiger: ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt und an den Ausgaben durchschnittlicher Haushalte sinkt immer weiter ab (Quelle: Statista 2020). Die meisten von uns geben also immer weniger von dem Geld, das sie bekommen, für Lebensmittel aus. Diese Tatsache ist Krause wie so vielen Öko-Feinden bislang entgangen. Dass die schlechte Finanzlage vieler alleinerziehender Mütter etwas mit gestrichenen Sozialleistungen, der schlechten Zahlungsmoral oder der Arbeitslosigkeit vieler Väter zu tun haben könnte, ignorieren die Urheber populistischer Vergleiche ohnehin notorisch.

Edel-Ökos? Woher wissen diese Alleswisser eigentlich so genau, wie viel Geld jene Leute verdienen, denen die Artenvielfalt in Deutschland nicht gleichgültig ist? Aus der Tatsache, dass Lebensmittel im Bioladen teurer sind als bei Aldi und Lidl, schließen sie einfach, dass die Kunden von Bioläden reicher sein müssen als die Aldi- und Lidl-Kunden. Das ist Quatsch mit Soße. Mit der gleichen Logik muss ich nämlich annehmen, dass Leute, die viel Auto fahren, reicher sein müssen als Leute, die viel Fahrrad fahren. Autofahren ist teurer als Fahrradfahren. Auf diesem Feld ist die Zuordnung der Schubladen Umweltsau/Öko und Reich/Arm also genau umgekehrt. Das gleiche gilt für Leute, die ihren Urlaub klimaschädlich auf Neuseeland verbringen, und Leute, die ökologisch korrekter Hiddensee bevorzugen.
Was bedeutet das? Aus der Tatsache, dass jemand für ein bestimmtes Bedürfnis mehr Geld ausgibt als ein anderer, kann man nicht auf sein Einkommen schließen, sondern nur auf seine Prioritäten und Wertschätzungen. Ich selber zum Beispiel gebe meine paar Kröten, die ich als armer Poet gelegentlich verdiene, lieber für gutes Essen (aus ökologischem Anbau und artgerechter Tierhaltung) aus als für Alufelgen oder elektrische Fensterheber.

Volkswirtschaftlich betrachtet sieht die Sache ziemlich einfach aus: Wer ständig mit einem fetten Auto durch die Gegend fährt, ein riesiges Haus bewohnt und fünfmal im Jahr über den einen oder anderen großen Teich fliegt, belastet Umwelt und Klima um ein Vielfaches stärker als jemand, der mangels Auto mit der Bahn fährt, eine kleine Mietwohnung bewohnt und nur einmal im Jahr nach Antalya fliegt (oder gar mit der Bahn an die Ostsee fährt). Mit anderen Worten: Reiche sind tendenziell Umweltsäue (Edel-Säue, um in Krauses Diktion zu bleiben), und Arme sind tendenziell Ökos – oft vielleicht wider Willen, nur mangels Gelegenheit zur Umweltsünde. Im weltweiten Vergleich ist das ohnehin völlig unbestritten: Afrikaner, Inder und Chinesen stoßen pro Kopf nur einen Bruchteil so viel Kohlendioxid aus wie Amerikaner, verbrauchen einen Bruchteil des Wassers, einen Bruchteil des Papiers und so weiter. Sie sind also Ökos, weil sie arm sind.

Fazit: Man muss schon ziemlich reich sein,
um eine kapitale Umweltsau rauslassen zu können.

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Veröffentlicht von

jejko

Historiker, Politologe, Texter, Rheinländer in Westfalen, Sänger, Radfahrer, Wanderer, Naturbursche, Baumfreund, Pazifist

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